Wir leben in einer Zeit, in der die Idee einer gesellschaftlichen Elite immer selbstverständlicher wird: Eliteuniversitäten, Exzellentsinitiativen, Eliteförderung. Wer heute eine Idee gesellschaftlich voranbringen will, muss unbedingt „Experten“ vorweisen können, die die Idee vertreten und begründen – ein einträgliches Betätigungsfeld für Wissenschaftler, Berater und andere Auguren (Wikipedia).

Es scheint allgemeiner Konsens, dass die modernen Industriegesellschaften nur noch von einer entsprechend intellektuell ausgerüsteten Elite geführt werden können. Diese müssen natürlich in speziellen Ausleseprozessen ausgewählt werden. Gleichzeitig zeigt uns die moderne Hirnforschung, welchen Anteil die physische Struktur unseres Gehirns am Denken und Fühlen, an unserem Charakter und an unseren Wünschen hat. Und diese Hirnstruktur – das sagen uns die Genetiker – ist eng mit unseren Genen verknüpft. Da ist der Weg zu einem neuen Sozialdarwinismus fast vorbestimmt.

Zumindest käme den Eliten in den Industrieländern eine wissenschaftliche Begründung ihrer gesellschaftlichen Spitzenpositionen und der undemokratischen Ausleseprozesse sehr gelegen – würde sie doch die in diesen Ländern erodierte Begründung von Hierarchien durch Tradition oder Religion ersetzen. Intensive Versuche in diese Richtung wurden in Deutschland zwischen 1933 und 1945 bereits durchgeführt und haben entsprechende Konzepte zunächst diskreditiert. Doch das heißt nicht, dass diese Ideen als erledigt betrachtet wurden. Sie leben noch und scheinen sich in Zeiten zunehmender Verteilungskämpfe auf diesem Planeten wieder zu vermehren. Die Denkbarrieren der politischen Korrektheit wurden in den letzten Jahren eingerissen. Die Ideen von Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit geraten im Zuge der westlichen Wettbewerbsideologie zunehmend unter Druck – und damit wird der Weg wieder frei für „neue“ alte Ideen (siehe auch „Gutmensch“ in Wikipedia). Nicht unbedeutend sind in diesem Zusammenhang auch die Versprechungen der Gentechniker, den Menschen schon bald „optimieren“ zu können.

In diesem Artikel möchte ich auf einige Punkte hinweisen, die die These von der „natürlichen“, durch Leistung begründeten Grundlage der Eliten in unseren modernen Gesellschaften differenzieren und eine andere Interpretation der bekannten oder vermuteten biologischen, ökologischen und sozialen Zusammenhänge darstellen. Ich werde versuchen, die folgenden Thesen zu begründen:

Evolution beeinflusst nicht nur unsere Biologie, sondern auch unsere sozialen Strukturen und Prozesse – aber anders, als die Meinungsmacher propagieren.
Eliten sind lediglich ein Randphänomen. Ihre Bedeutung für die langfristige Entwicklung der Menschen wird überschätzt.
Die Idee Darwins vom „Survival of the fittest“ wird in den Industrieländern bewusst falsch interpretiert.

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